Jesus ist also der wahre Sohn Gottes. Wie aber ist das zu verstehen?
Als die befreiende Botschaft von Jesus sich im hellenistischen Bereich ausbreitete, lag es für viele nahe, beim Verständnis auf Bekanntes zurückzugreifen. In der griechischen Mythologie kam es oft vor, daß Götter Frauen als Samenzwischenlager nutzen. Zeus tarnte sich mal als Schwan (Leda), mal als Adler (Europa), mal als Goldregen (Danae), um seinem ehebrecherischen Zeugungstrieb unbemerkt von seiner Gemahlin Hera frönen zu können. Heraus kamen dann jedesmal Heroen, besonders begabte Menschen oder Halbgötter. So lag das Mißverständnis nahe, daß die Menschwerdung ähnlich zu verstehen sei. Jesus wäre dann ein Halbgott.
Ein zweites besonders wichtiges Mißverständnis war das juristische. So wie Jesus durch die Heirat von Josef und Maria laut Bibel zum Sohn Davids wurde, so wäre Er bei der Taufe im Jordan auch zum Sohn Gottes geworden. Gott hätte den Menschen Jesus, der ganz normal von Maria und Josef produziert wurde, bei der Taufe am Jordan adoptiert. Ps 2,7 Mein Sohn bist Du, heute zeuge ich Dich ist dahingehend tatsächlich falsch verstehbar, weil dies die jedem König in der Salbung zugesagten Amteinführungsworte sind. Ich will es mit diesen Mißverständnissen bewenden lassen. Was ist aber die Lösung der Konzilsväter von Nikaia (323), Chalkedon (381) und Konstantinopel (451)? Sie setzt ebenfalls bei der griechischen Philosophie an. Seit Aristoteles (4. Jhd vC) war allgemein anerkannt: Ein Wesen kann auf natürlichem Wege nur ein Wesen seiner Art hervorbringen, ein Mensch also bringt nur einen Menschen zur Welt. Jesus muß aber ganz wie wir sein, da Er uns sonst kein Vorbild sein kann; denn ein Halbgott kann natürlich mehr als ich. Ich kann mich zurücklehnen, weil ich das, was Jesus tat, nie schaffen kann, und alles bleibt beim Alten.
Damals bestand aber unter den Gelehrten (bis übrigens ungefähr ins 19. Jhd nC hinein) die Vorstellung, daß die Frau wie der Acker des Mannes wäre. Er streut im Geschlechtsakt seinen Samen in sie und aus dem darum gerinnenenden Blut entsteht das neue Leben. In diesem Verständnis brachte die Frau nur das Kind des Mannes zur Welt. Er lieferte mit seinem Samen die Baupläne, sie setzte sie um. Wenn also die Jungfrau ein Kind zur Welt bringt, war griechisch Denkenden klar, daß Jesus ganz, zu 100% Mensch war - weil aus der Frau geboren. Da aber "Gott Vater" im Hl Geist der Urheber des Kindes ist, muß es auch zu 100% Gott sein, da auch Gott in der Zeugung nur Gott hervorbringt. Jesus war also ganz ein Mensch, dessen innerstes Wesen in Seiner Beziehung zum Vater bestand. Das ist die Kernaussage der Jungfrauengeburt: Jesus ist ganz Mensch und ganz Gott, unvermischt und ungetrennt. In der Antike gab es aber auch den Glauben, daß nichts Geistliches existiert, das nicht auch in der realen Welt verwirklicht. So war es nur selbstverständlich, daß der Gott, der Himmel und Erde aus dem Nichts schaffen kann, auch so ein kleines Jungfernhäutchen ganz läßt - vor während und nach der Geburt als Zeichen dafür, daß wirklich nichts anderes geschehen ist. Lk 1, 34 stützt diese Aussage noch insofern, als sie präsentisch formuliert ist. Als Verlobte weiß sie ja, was in der Hochzeitsnacht geschieht.
zu den sogenannten Brüderstellen des NT hier eine Schrift des hl. Hieronymus.